Peter Stohl
Peter  Stohl

Leseprobe aus: Waldröschen

Die Bäume dort standen so dicht, dass kaum ein Lichtstrahl durch das dichte Laub fiel. Die Zweige regten sich auf wundersame Weise und das Grün war von unheimlichen Geräuschen erfüllt. Wer sich in diesen Wald wagte, der irrte oft lange Tage. In die Nähe des Schlosses jedoch kam er nie. Das erging dem Ritter nicht anders. Für welchen Weg er sich entschied, welche Richtung er auch wählte, er konnte das Schloss nicht finden. So viele Stunden hatte er mit seiner Suche verbracht und meinte jeden Ort des Waldes zu kennen, da gelangte er, ohne es recht zu bemerken, an ein altes, rostiges Türchen, das an zurückgesetzter Stelle vom Weg abführte. Und ehe er es sich versah, huschte etwas über den Boden, sprang durch das Grün der Äste und Zweige und flugs stand ein Zwerg vor ihm, der hässlich wie die Nacht war.

„Wohin des Weges?“, fragte er den edlen Ritter.

„Zum Schloss!“, antwortete dieser und dachte dabei an die schöne Prinzessin. Welches Haar sie wohl hatte? War sie von zarter Gestalt oder gedrungen? War sie klug oder herzlich? Sie würde doch wohl keine spitze Nase haben!

„Wollt also zur Prinzessin! Wollt sie wohl küssen?“, schimpfte der Zwerg.

„Was geht’s Euch an?“, sprach der Held. Was war er dem Zwerg Rechenschaft schuldig?

Doch ja, küssen wollte er sie schon. Darum war er gekommen. Lange und innig wollte er sie küssen, hatte es schon lange nicht mehr getan! Er würde sich behutsam über sie beugen, ihren Atem spüren, die sanfte Wärme ihrer Lippen erahnen und seinen Mund auf den ihren legen…

Nun wurde der Zwerg ganz fuchtig, als er sah, wie verzückt der Ritter schaute. Von Sinnen stampfte er auf den Boden, schrie wild herum und zog ganz böse Grimassen.

„Vergesst es! Es hilft nicht! Es hat noch nie geholfen!“, schimpfte er, flitzte wie verrückt zwischen den hochragenden Bäumen hin und her und war auch schon wieder verschwunden.

Der Ritter wunderte sich, doch gab er nicht viel darauf. So sei nun einmal die Art der Zwerge, meinte er und ritt weiter durch den Wald, dessen Bäume immer dichter standen und dessen Wege sich unvorhersehbar wandten. Doch er machte sich keine Sorgen deswegen. Er meinte, er werde das Schloss schon finden, wenn er fest daran glaube und lange genug danach suche.

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© Peter Stohl